Focusing

Am Ende des Jahres und meiner A-Z-Serie möchte ich die Kernbegriffe vorstellen, die mich zu diesem Blog inspirieren: Focusing, Spiritualität und Schreiben. Heute: Focusing.

Nach einer Definition von Focusing gefragt, wird man von Focusing-erfahrenen Menschen ganz unterschiedliche Antworten erhalten:

  • Focusing praktizieren bedeutet: den Körper von innen zu fühlen, das in uns zu fühlen, was wir schon spüren, von dem wir aber noch nicht wissen, was es ist (Johannes Wiltschko, Focusing Journal 39/2017, S. 44).
  • Focusing, manchmal auch „felt sensing“ genannt, ist ein Weg, der unserem Körper erlaubt, uns zu tiefer Selbsterkenntnis und zu psychischer Heilung zu führen, und es ermöglicht uns, geschickter mit den Schwierigkeiten umzugehen, die uns das Leben bringt (David I Rome, Focusing Journal 39/2017, S. 2).
  • Focusing heißt, seinem Körper auf behutsame, annehmende Weise zuzuhören und die Botschaften anzunehmen, die das Innere einem sendet. Es ist ein Prozess, bei dem man seine innere Weisheit respektiert und sich der unterschwelligen Wissensebene bewusst wird, die durch den eigenen Körper zu einem spricht
    (Ann Weiser Cornell, Focusing – Der Stimme des Körpers folgen, S. 13).
  • Heute ist Focusing ein Vehikel des Denkens und des Philosophierens, eine Möglichkeit der Selbsthilfe und eine Methode der Psychotherapie und Beratung, ein Werkzeug für Kreativität und Entscheidungsfindung und ein Weg, um spirituelle Dimensionen zu erkunden
    (Klaus Renn, Dein Körper sagt dir, wer du werden kannst, S. 10).

Wenn ich gefragt werde, erkläre ich Focusing meist so: Focusing ist eine körperorientierte Methode der Beratung und der Selbsterforschung, mit der ich in einen Dialog mit meinem Körper komme und von dort aus Antworten auf die Fragen meines Lebens erhalte.

Als wir zuletzt in der Weiterbildung „Essentials“ unseren Ausbilder Klaus Renn nach einer Definition fragten, erzählte er von einer Begebenheit, in der er auf einem Kongress gefragt wurde: Und was machen Sie? – Ich bin Focusing-Ausbilder. Und dann hat er mehr stammelnd als erklärend beschrieben, was Focusing bedeutet. Das hat uns beruhigt, da es immer wieder nur ein Stammeln und Suchen nach Worten ist, da es sich nicht eindeutig fassen lässt, wie die Definitionsvarianten oben zeigen. Das macht Focusing vielleicht auch für die schwer begreifbar, die es kennen lernen möchten, die damit noch nichts anfangen können, die sich einen eindeutigen und klaren Zugang dazu wünschen. Nein, das körperlich Implizite zeigt sich eben nicht sofort eindeutig und dennoch ist es wahr und vielleicht auf eine Art wahr, die sogar über dem Denken, Theorien oder objektiven Tatsachen steht (falls es sowas überhaupt gibt).

„Focusing ist eine Zeit, in der ich bei etwas bleibe, was ich in meinem Körper spüre, ohne schon zu wissen, was es ist.“

Eugene Gendlin
(zit. nach Peter Lincoln, Wie der Glaube zum Körper findet, S. 18)

Die Definition von Gendlin selbst, dem Begründer von Focusing, zeigt das Zögerliche, das dem Ganzen bereits inhärent ist. Die wichtigen Elemente:

  • Die Zeit, bei etwas zu bleiben: Im Focusing nehme ich mir Zeit, um achtsam und behutsam dabei zu bleiben. Ich spüre in mich hinein, lenke die Aufmerksamkeit auf meine Körpermitte, warte geduldig ab. Der Felt Sense kann wie ein scheues Reh sein, das sich erst ganz langsam herauswagt, das genug Schutz und Zutrauen braucht, um sich zu zeigen. Dafür ist ein wenig Geduld und Übung nötig – zumindest habe ich das so erlebt. Andere bringen diesen Körperzugang unmittelbar mit. Ich bleibe also bei dem,
  • was ich in meinem Körper spüre: Im Focusing gehe ich ganz ahnungslos und ergebnisoffen an das heran, was ich in mir spüre. Zu Anfang fand ich diese körperliche Ebene sehr schwammig und unklar: Spüre ich da meine inneren Organe? Oder feinstofflicher meine Muskeln, die Nervenbahnen, die Meridiane, Chakren oder Faszien? Sicher passiert auch etwas auf dieser körperlichen Ebene, aber es geht nicht um messbare Körperbewegungen, die „nachgewiesen“ werden können. Sondern um die manchmal zarten, manchmal heftigen Körperempfindungen, die sich einstellen, wenn ich mit einem Thema beschäftigt bin, wenn ich vor einer Entscheidung stehe, wenn ich eine beglückende Situation in Erinnerung rufe, wenn ich einen Menschen vor Augen habe … (die Liste ließe sich unendlich fortsetzen, da in mir zu allem einen Felt Sense entsteht/entstehen kann). Noch ungeübt bedarf es vielleicht einer Anleitung und Ermutigung bei dem zu bleiben, was sich körperlich zeigt,
  • ohne schon zu wissen, was es ist: Der Felt Sense entsteht – oder ist da – auf der körperlichen Ebene. Der Verstand bleibt neugierig und mit einer offenen Haltung dabei, bietet nicht von sich aus schnelle Deutungen an: Ach, das kenne ich schon, ich bin gerade (müde, unsicher, ängstlich…). Sondern der Verstand wartet auch annehmend, neugierig mit einer offenen Ahnungslosigkeit ab, um das ganz Neue oder Andere wahrzunehmen, das der Felt Sense im Körper offenbaren möchte. Geht es nicht etwas genauer? Das „Genauern“ ist dann ein nächster Schritt: Der Verstand bietet Deutungen an und gibt sie an den Körper zurück. Dieses Hin und Her kann eine Weile dauern, bis der Körper signalisiert, dass die Deutung passt. Und die fällt manchmal überraschend anders aus, als der Verstand es erwartet hat. Ein Beispiel: Ich hatte eine Veranstaltung vor mir, die ich leiten sollte. Es stellte sich ein Felt Sense ein und ich dachte: Ah, da ist sie, diese Unsicherheit. Bei genauerem Hinspüren und Abwarten und im Dialog mit dem Körper passte die Deutung „erwartungsfreudige Neugier“ viel besser. Dieses „Nicht-Wissen“ ist eine Voraussetzung, um sich immer wieder neugierig und offen auf die Signale des Körpers einzulassen und „frische“ Antworten zu erfahren.

Das sind meine Versuche, Focusing ein wenig genauer zu beschreiben.
Was erkennt Ihr wieder, was Ihr bereits auf diesem Blog erfahren habt? Ich freue mich auch über weitere Definitionen und Annäherungen von Focusing-Leuten als Kommentar!

Ich lade zu einer Übung ein: Wenn Du einen Moment Ruhe hast, finde eine Sitz- oder Liegeposition, die entspannt ist, bei der Du Gewicht und Spannung abgeben kannst und in der Du eine Weile da sein kannst. Wenn Dich gerade ein Thema, eine Frage, ein Problem beschäftigt, dann nimm das Ganze, was dazu gehört, alles, was Du weißt und auch, was Du nicht weißt, und warte dann ab, was in Deiner Körpermitte (Hals, Brust- und Bauchraum) dazu entsteht. Bleib dabei, wenn sich nicht sofort etwas zeigt. Wenn Du etwas wahrnimmst, dann leiste diesem „Etwas“ ein wenig Gesellschaft, als ob Du Dich abwartend, neugierig neben jemanden setzt, den Du noch nicht kennst: Was bist Du für einer? Wie könntest Du das Empfinden beschreiben? Passt ein Bild (Farbe, hell/dunkel, Größe…)? Oder ein Ton, ein Geschmack, ein Geruch? Ist es ein Körperempfinden wie ziehen, kribbeln, schaudern? Oder kommt Dir eine Erinnerung, ein Wort, ein Satz? Oder ein Gefühl (wie traurig, wütend, glücklich)? Lass Dir Zeit, die Deutungen wieder in die Körpermitte wirken zu lassen. Vielleicht gibt es eine Veränderung, die signalisiert: Ja, diese Beschreibung passt. Vielleicht bleibst Du einfach so dabei. Am Ende kannst Du Dich wie nach einem Gespräch bei Deinem Körper bedanken, dass er Dir etwas gezeigt hat.

Reflexion: Wie ist es auf diese Art in Dich hineinzuspüren?

 

6 Kommentare zu „Focusing

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