Psalmwerkstatt: Mit dem Herzen schreiben

Die Teilnehmenden kommen in einen großen, hellen Seminarraum. In der Mitte ist ein Stuhlkreis um einen Strauß Tulpen umringt von bunten Schmetterlingen und einem roten Herzen. Mit einem schön gestalteten Zitat auf einer Flipchart werden die Teilnehmenden empfangen. Klemmbretter mit einem Willkommensbrief und dem Ablauf sind vorbereitet. Daneben ist Platz zum Meditieren; Matten, Decken und Meditationsbänke liegen bereit. An einer Wand steht ein Klavier. Es kann losgehen!

Am letzten Wochenende begegneten wir uns in der Psalmwerkstatt, einer meditativen Schreibwerkstatt im Stephansstift. Wir hatten viel Raum zum Schweigen und Schreiben. In Stille begannen die Einheiten, Texte und Meditationen führten in die Tiefe des eigenen Herzens. Ein Impuls regte das Schreiben an. Die so entstandenen Texte teilten wir behutsam und wertschätzend. Wir wurden sehr reich beschenkt.

Eine Teilnehmerin schrieb:

Vielen Dank für Deine liebevolle, konzentrierte und aufmerksame Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung der Tage in Hannover.
Deine ruhige, wertschätzende Sprache, die ästhetischen handgeschriebenen Plakate und die wohltuenden Regeln für das Miteinander waren ein Genuss.
Kein Kommentar, keine Interpretation oder Analyse dessen, was andere geschrieben haben, sondern eine Resonanz, ein Echo dessen, was man selbst gehört hat.
Es war ein Geschenk und ein Segen, dabei zu sein.

Ich teile hier meinen „Schutzpsalm“, der in der Übung „Lieblingsverse fischen“ (nach Hippe 2015, S. 168) entstanden ist. „Psalmwerkstatt: Mit dem Herzen schreiben“ weiterlesen

Überholspur

Und da starre ich gebannt auf den Topf mit meiner Kastanie, mache seit 57 Tagen jeden Tag ein Foto von der dunklen Erde, an deren Oberfläche sich nichts ändert. Ja, dieser Topf steht nach wie vor für mich dafür, dass da etwas wächst, etwas im Verborgenen entsteht, was noch Entwicklungszeit braucht. Es ist ein Bild für mich, mir diese Zeit zuzugestehen, dass ich noch nicht dort angekommen bin, wohin ich gehöre. Ich spüre aber genau, dass ich auf dem Weg bin und dass es noch Zeit bedarf. Ich darf IN diesem Prozess sein. Auf dem Weg, im Wachstum.

Und dann sehe ich plötzlich, dass auf der Fensterbank im anderen Zimmer eine Knospe hochschießt! Eine Amaryllis, die ich fast aufgegeben hatte, nachdem sie sich auf ein Blatt reduziert hatte. Jetzt konnte ich in den letzten Tagen förmlich zusehen, wie eine riesengroße Knospe empor gewachsen ist und sich dann die wunderschöne Blüte entfaltet hat.

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Schreib_Spur

Ich ziehe eine Schreibspur aus Wörtern hinter mir her.

So viel wie im letzten Jahr habe ich lange nicht mehr geschrieben! Seit meiner Diss vielleicht, die ich schließlich auf gut 400 Seiten komprimiert habe – nicht mitgezählt all die Hunderte von Dateien mit Vorversionen. Und auch ganz zu schweigen von meinem Forschungstagebuch von fast 800 Seiten, in dem ich alle Gedanken entwickelt, alle Schreibblockaden reflektiert und alle Krisen aufgearbeitet habe. Mit der Abgabe habe ich es geschlossen und nicht wieder angefasst.

Jetzt schreibe ich wieder mehr, aber ganz anders, vielfältiger.  In meinem Studium an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin fragte mich neulich eine Kommilitonin in einem Feedback auf eine Schreibaufgabe, warum ich schreibe. Diese Frage nehme ich mir heute vor, um sie hier durchzubuchstabieren. Schließlich handelt dieser Blog auch vom Schreiben. Damit setze ich auch meine Serie zu den „Grundbegriffen“ fort…

Ich schreibe

… um zu denken
… um mir meine Gedanken sichtbar zu machen
… um mich auszudrücken
… um meine Spur zu erkennen „Schreib_Spur“ weiterlesen

Spur aufnehmen

Ein neues Jahr. Eine neue Überschrift für den Blog: Spurensuche. Ich möchte weiterhin auf der Suche sein nach mir, nach dem Raum in mir, in dem ich atmen kann, nach Menschen, die sich mit mir auf den Weg machen und denen ich Wegbegleiterin sein kann. Ich möchte die Spur aufnehmen, dem Pfad folgen, den schon andere gegangen sind.

Am Anfang des Jahres habe ich tatsächlich mal Vorhaben formuliert, um die Rahmenbedingungen für ein gutes, gesundes inneres Wachstum zu gestalten. Dazu gehört, dass ich all die guten Bücher lesen will, die ich in den letzten 2 Jahren bekommen und gekauft habe. In den guten Gedanken und Beschreibungen anderer möchte ich ihre Spur aufnehmen und sie mit meinem Lebensweg verbinden. Von der Liste werde ich hier auch immer mal berichten.

Zur Zeit lese ich Pierre Stutz: Verwundet bin ich und aufgehoben – Für eine Spiritualität der Unvollkommenheit und finde darin sehr viel von meiner derzeitigen Lebensspur. In kleinen Abschnitten lässt er Mystikerinnen und Mystiker aus aller Welt und allen Zeiten zu Wort kommen und verbindet ihre Spur mit seinem Leben. Ich schätze seine Ehrlichkeit und Verletzlichkeit. Dieser Spur möchte ich folgen.

Sein dürfen
ich muss nicht
sondern ich bin begleitet
das in mir zu entdecken
was mir zutiefst gut tut
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Zurückblicken und Ziele fokussieren

Zum Jahresende blicke ich zurück. Dieser Blogbeitrag schließt das Jahr und auch die Blogreihe von A-Z ab. Was sehe ich im Rückblick? Wie schaue ich auf das neue Jahr? Ich bin keine Planerin, daher hatte ich keine Liste mit Zielen für 2017 und werde auch keine für das nächste Jahr haben. Was ich jetzt aber habe: einen Tageskalender mit Einträgen an jedem Abend, ab Februar 6 Bücher mit Morgenseiten, dazu noch weitere Tagebucheinträge, Studiumstexte, Blogtexte, Mails, facebook-Einträge, ein Buch – sehr viel Geschriebenes.

Auf welche Art und Weise möchte ich hier auf mein Jahr zurückblicken?
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Kastanie

Nicht mehr und noch nicht – so hat der Fotograf Dirk Henkel dieses Bild der Kastanienknospe betitelt. Nicht mehr der Blätterbaum, nicht mehr die volle Blüte. Das Alte ist vergangen, es hat ausgedient. Und das Neue ist noch nicht da, noch nicht vollständig sichtbar, noch in der Knospe verborgen. Die Zeit dazwischen.

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So empfinde ich diese Zeit. Eine Zeit der Verwandlung, der Transformation, der Inkubation. Neben dem Schmetterling ist die Kastanie für mich ein wichtiges Symbol dafür geworden. In einem Focusing-Prozess stand sie für das Schmerzhafte, das Verletzliche, das Schutzbedürftige in mir. Nicht mehr und noch nicht:

Kastanie

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Wundersam – Mias Blog-Adventskalender

Dieser Beitrag gehört zum Blog-Adventskalender, den Mia dieses Jahr als Reihum-Geschichte ins Leben gerufen hat. Daran haben nun schon einige mitgeschrieben, was Ihr hier in kursiv lest. Heute schreibe ich 10 Sätze weiter. Und bis Heilig Abend spinnen noch andere die Geschichte um Gertrud und das Glitzerding weiter… Morgen geht es bei Sonja weiter.

Focusing

Am Ende des Jahres und meiner A-Z-Serie möchte ich die Kernbegriffe vorstellen, die mich zu diesem Blog inspirieren: Focusing, Spiritualität und Schreiben. Heute: Focusing.

Nach einer Definition von Focusing gefragt, wird man von Focusing-erfahrenen Menschen ganz unterschiedliche Antworten erhalten:

  • Focusing praktizieren bedeutet: den Körper von innen zu fühlen, das in uns zu fühlen, was wir schon spüren, von dem wir aber noch nicht wissen, was es ist (Johannes Wiltschko, Focusing Journal 39/2017, S. 44).
  • Focusing, manchmal auch „felt sensing“ genannt, ist ein Weg, der unserem Körper erlaubt, uns zu tiefer Selbsterkenntnis und zu psychischer Heilung zu führen, und es ermöglicht uns, geschickter mit den Schwierigkeiten umzugehen, die uns das Leben bringt (David I Rome, Focusing Journal 39/2017, S. 2).
  • Focusing heißt, seinem Körper auf behutsame, annehmende Weise zuzuhören und die Botschaften anzunehmen, die das Innere einem sendet. Es ist ein Prozess, bei dem man seine innere Weisheit respektiert und sich der unterschwelligen Wissensebene bewusst wird, die durch den eigenen Körper zu einem spricht
    (Ann Weiser Cornell, Focusing – Der Stimme des Körpers folgen, S. 13).
  • Heute ist Focusing ein Vehikel des Denkens und des Philosophierens, eine Möglichkeit der Selbsthilfe und eine Methode der Psychotherapie und Beratung, ein Werkzeug für Kreativität und Entscheidungsfindung und ein Weg, um spirituelle Dimensionen zu erkunden
    (Klaus Renn, Dein Körper sagt dir, wer du werden kannst, S. 10).

Wenn ich gefragt werde, erkläre ich Focusing meist so: Focusing ist eine körperorientierte Methode der Beratung und der Selbsterforschung, mit der ich in einen Dialog mit meinem Körper komme und von dort aus Antworten auf die Fragen meines Lebens erhalte.

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Unverblüht

Wie wird es sein, wenn diese inneren Kämpfe aufgehört haben?

Es wird eine Zeit geben,
wo ich auf Bäume klettere
und niemand warnt, dass es zu gefährlich ist.

Es wird eine Zeit geben,
wo ich fröhlich das tue, was ich gerne tue,
und keiner es mir verleidet.

Es wird eine Zeit geben,
wo ich schreibe
und keine Angst mehr vor Bewertung und Kritik habe.

Es wird eine Zeit geben,
wo ich das Wesentliche lebe
ohne mich zu verzetteln und alles zu tun.

Es wird eine Zeit geben,
wo ich mich zeigen werde
und niemand mehr draufhaut.

Es wird eine Zeit geben,
wo ich nicht mehr alles richtig machen muss,
sondern fröhlich Fehler machen werde.

Es wird eine Zeit geben,
wo ich auf der Bühne glänzen werde
und danach nicht vor Scham im Boden versinke.

Es wird eine Zeit geben,
wo ich mit Menschen arbeiten werde,
die das Beste in mir zum Vorschein bringen.

Es wird eine Zeit geben,
wo ich allein bin,
ohne mich einsam zu fühlen.

Es wird eine Zeit geben,
wo es nicht mehr darauf ankommt, was ich kann,
sondern wer ich bin.

Es wird eine Zeit geben,
wo mein Durst nach Anerkennung gestillt sein wird
in einem Meer aus Selbstvertrauen.

Es wird eine Zeit geben,
wo es reicht,
ich selbst zu sein.

Es wird eine Zeit geben,
wo ich mich so lieben werde,
wie ich bin.

 

To be continued.

Wovon träumt Ihr?