Netzraum

Blogparade #bks11: Digitale Einsamkeit

Dieser Beitrag gehört zur #Blogparade des 11. Jahrgangs des Studiengangs „Biografisches und kreatives Schreiben“ an der ASH Berlin. Zum Thema Digitale Einsamkeit verfassen alle auf ihren eigenen Blogs einen Beitrag und vernetzen sich im digitalen Schreiben. temp-03Eine ganze Welt eröffnet sich im digitalen Raum. Alles, was es im echten Leben auch gibt, findet man im Internet – oder sogar noch mehr. Hier kann ich mich in virtuelle Welten begeben, phantastische Abenteuer erleben, an verschiedenen Orten der Welt 24/7 anwesend sein durch meine Internetpräsenz, meine Homepage, meinen Blog, meine … Ich kann meine Schreibfreiheit unendlich auskosten, mich breit machen in bits und bites.

Im digitalen Raum pflege ich meine Kontakte, kann mich zu Dates verabreden, mich vernetzen, Follower hinter mir herziehen, die an den neusten Themen aus meinem Leben  – oder nur meiner virtuellen Präsenz – interessiert sind. Es fällt leicht, Gleichgesinnte zu finden, z.B. eine Selbsthilfegruppe zu einer seltenen Krankheit. Foren sind Räume der Begegnung, wo ich Fragen stelle und von irgendwo antwortet mir ein Mensch. Ein Mensch? Eins von diesen hellgesichtigen, pickeligen Wesen, die nicht mehr vor die Tür gehen, weil die Welt sich im Internet abspielt? Und schon kann ein Shitstorm über mich hereinbrechen, wenn sich reale und virtuelle Gestalten verbünden, ohne sich aus ihrer Nische herauszutrauen, sondern versteckt in der Anonymität des Netzraumes bleiben.

Die ganze Welt ist im Internet, pflegen Jugendliche zu sagen und verlassen tagelang nicht mehr ihr Zimmer. Wozu auch? Was gesucht wird, findet man auch im Netz, ob Auskunft, Rat, seltene Stücke, Gewöhnliches und Ungewöhnliches und neue Kontakte. Globale Vernetzung – mit allen Menschen ob in Neuseeland, Südafrika, Canada oder Grönland – Hauptsache man gehört zu den wenigen Prozent der Menschheit, die so priviligiert sind, sich einen Computer und Internetanschluss leisten zu können.

Ich kann verloren gehen in diesem unendlichen Raum, Lost in space, ein Klick führt zum nächsten, ich werde hineingezogen in den Buchstaben– und Bildersog. Internetsüchtig, abhängig von Kommentaren, Followern und Likes. Und wenn der Strom ausfällt – schwarzer Bildschirm – bin ich isoliert. Wo ist hier der Ausgang? Der Escape-Button für das virtuelle Leben?

Meine Präsenz im digitalen Raum – ein Spiegel für mein Leben in der Wirklichkeit? Sind manchen Menschen sogar realer in der digitalen Welt, als Avatar ihres Traumlebens, während sie als Schattengestalt ein klägliches Dasein im Nirgendwo dahinvegetieren? Wie wäre es mit einem Update meines Lebens? Was ist real, was virtuell? Wo bin ich echt? Ersetzt der Computer meinen Körper? Virtueller Raum statt Körperraum?

Und doch gibt es eine Sehnsucht, einen Bedarf sich live, sich sinnlich und haptisch zu begegnen. Das zeigen immer wieder große Conventions wie z.B. zuletzt die re:publica in Berlin mit  gut 8000 Teilnehmenden oder die internationale Minecon mit 10000 Teilnehmenden in London 2015. Die berühmten Youtuber zu treffen ist sogar ein Anreiz für Teens bei der kommenden Tincon. Sich real zu begegnen hat eine eigene Qualität.

Sich begegnen wider die digitale Einsamkeit. Resonanz spüren. Resonanz geben – ob als Kommentar, mit einem Like-Klick oder beim Händeschütteln face to face.


Vorschau:

Die Abstimmung im Poll hat ergeben, dass die folgenden Beiträge zu den Themen Jetzt, Leichtigkeit, Musik und Nein erscheinen werden. Vielen Dank an alle, die sich beteiligt haben! Ich freue mich weiterhin über Eure Kommentare, die mir Resonanz im virtuellen Raum geben.

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14 Kommentare zu „Netzraum

  1. Liebe Christiane,
    was für ein treffender und so passgenauer Titel, der tiefsinnig ist, eine weitere Dimension aufmacht und daher auch so sehr zu deinem Blog passt, weil er unsere individuellen Räume in und um uns herum, auf diese Weise und mit Wörtern und Links miteinander verbindet: NETZ-RAUM
    Du spannst ein Netz aus Worten, die uns halten, danke dafür,
    Mia

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Christiane,
    jeder Beitrag dieser Blogparade beleuchtet einen anderen Aspekt der Frage nach digitaler Einsamkeit im Netz, Das ist das spannende an dieser Gleichzeitigkeit des Schreibens zu einem Thema. Du betrachtest nun die „Räumlichkeit“. Der Raum im Netz eröffnet sicher mehr Entfaltungsmöglichkeiten, als der Raum, den die Realität zur Verfügung stellt. In der Realität wird mein Raum durch die Räume der anderen begrenzt, im Netz kann ich mir so viel Raum nehmen wie ich will. Aber dafür muß ich wohl eher Grenzverletzungen in Kauf nehmen. Aber es hat immer jeder die Freiheit zu entscheiden, wo und wie er sich bewegt.
    Liebe Grüße
    Anne

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  3. Liebe Christiane,
    vielen Dank für diese erweiterte Perspektive, die unserem Thema auch Raum für positive Aspekte des Internets gibt – nämlich die Chancen zur Durchbrechung der Einsamkeit.
    An die Messen / Conventions hatte ich noch gar nicht gedacht – das zeigt aber umso mehr, dass es doch ein urmenschliches Bedürfnis zu sein scheint, virtuelle Erfahrungen im realen Leben sinnlich und haptisch zu erleben.

    Herzliche Grüße
    Ulrike

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    1. Liebe Ulrike,
      Pdanke für Deine Beobachtung, dass ich dem Blogparadenthema etwas positives abgewinnen konnte. Irgendwie gelingt es mir anscheinend nicht, einen Text negativ abzuschließen 😉 Mein Manifest hieß auch das Manifest der guten Nachrichten.
      Liebe Grüße
      Christiane

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  4. Liebe Christiane,
    jetzt aber (mein bisschen Schwung ist gestern verpufft)! Unsere beiden Texte sind fast zeitgleich entstanden und doch lese ich die gemeinsame Einsicht heraus, Telepathie?, Synchronizität?, dass digitale Begegnungen auch echte Nähe schaffen können. Ich weiß nicht, was die Menschen zu re:publica treibt oder diesem Youtuber-Treffen. Da sind bestimmt auch Egoshooter drunter. Doch unser gemeinsames Bloggen, nicht nur in der Parade, empfinde ich als Band, das das echte Zusammentreffen noch einmal stärkt, oder umgekehrt? Würden wir uns vielleicht hier nicht so begeistert ins Liken, Kommentieren, Weiterweben stürzen, wenn wir die Personen dahinter nicht kennten, ihnen Vertrautheit und Zuneigung entgegenbrächten?
    Jetzt freue ich mich auf deine nächsten Beiträge, zwei meiner Favourites sind immerhin dabei.
    Herzliche Grüße: Amy

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  5. Liebe Christiane,
    schlagartig ist mir angesichts deines Textes klar geworden, dass es unter anderem die Sehnsucht nach Resonanz ist, die viele in das Netz treibt. In ein Netz, das sich still und leise irgendwann so zuziehen kann, dass wir vergessen, wer wir in Wirklichkeit sind oder in ein Netz, dass sich weltweit über uns legt und Menschen miteinander verbinden kann.

    Mir ist neulich auf dem Weg zur Arbeit eine kleine grüne Raupe begegnet, sie schwebte an einem Spinnfaden, der sich offensichtlich vom Netz gelöste hatte, der Morgenluft entgegen. An sie musste ich denken bei deinem Beitrag. Das war meine Form der Resonanz…

    Liebe Grüße
    Hedda

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  6. Liebe Christiane,
    Du eröffnest eine neue, kontrastierende Welt zum Thema „Digitale Einsamkeit“ und sie ist gleichermaßen Einlass zu weiteren Welten. Ein Knotenpunkt, der verbindet und neue Denkräume schafft… Bewegt hat mich diese Passage: „Was ist real, was virtuell? Wo bin ich echt? Ersetzt der Computer meinen Körper? Virtueller Raum statt Körperraum?“ Das ist natürlich eine spannende Frage, wo bin ich mehr ich selbst oder überhaupt ich selbst? Aber ist der Computer/ der virtuelle Raum nur ein Ersatz oder nicht doch vielleicht eine Erweiterung? Macht er nicht möglich, dass ich meine Fühler über meine körperlichen Grenzen hinaus in unendlichen Weiten ausstrecken kann?

    Nur so ein Gedanke, einfach mal in den virtuellen Raum gestellt… 😉

    lg. mo…

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