Willkommen, innerer Kritiker!

Was? Das meinst Du doch nicht ernst oder? Doch.

Zur Zeit schreibe ich ganz viel. Und erarbeite neue Konzepte, leite Workshops. Also hat mein Innerer Kritiker Hochkonjunktur, ist immer im Einsatz, zeigt viel Ausdauer. Das merke ich daran, dass mein Wortgebrauch von „müssen“ und „sollen“ voll ist. Und dass ich diese Stimme höre, die sagt: „Das schaffst Du sowieso nicht.“ Oder: „Das kannst Du doch nicht einfach machen.“

Ganz oft höre ich den Hinweis, dass der Innere Kritiker in die Pause geschickt wird, vor der Tür bleiben soll oder noch radikaler in die Verbannung geschickt werden soll. Das Konzept der inneren Teilpersonen (s. Hinweise unten) lehrt mich, den Inneren Kritiker als einen Teil von mir zu sehen.  Im Focusing lasse ich alles zu, was da ist und sich zeigt. Also auch die kritischen Anteile in mir. Es nützt nichts, diesen Teil zu verbannen, wegzuschicken, außen vor zu lassen. Alles Verdrängte und Abgelehnte zeigt sich um so heftiger und sucht sich subtilere Schleichwege, um das Denken, Fühlen und Handeln zu durchkreuzen. Wie wäre es, mich dem Kritiker zuzuwenden, zu hören, wie es ihm geht? Das setzt voraus, dass ich nicht mit ihm identifiziert bin. Sondern, dass ich zunächst einen FreiRaum in mir schaffe, in dem ich sein kann. Von dort aus kann ich auf die verschiedenen Teile in mir schauen und mich ihnen zuwenden – oder auch Abstand nehmen, wenn sie mich ganz überwältigen wollen. Von dieser Instanz aus kann ich Kontakt aufnehmen. Von dort aus habe ich kürzlich in einem Focusing einen Teil in mir als „Moderatorin“ oder „Mediatorin“ zwischen den Teilen in mir kennengelernt. Als ich neulich in einer Workshopvorbereitung wieder mal mit viel „muss“ und vernichtenden Sätzen konfrontiert war, schrieb ich folgenden Dialog:

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Schatzkiste

Ich tauche immer tiefer ein in die Reise zu mir selbst. Durchschreite meinen inneren Raum, mache Entdeckungen, setze mich hin, hör mir zu, mach das Licht an, kuschel mich ein. Ich begegne meinen tiefsten Ängsten, meiner Begeisterung, meinem kindlichen Mut, meiner unbändigen Freude. Ich drücke das, was ich dort finde aus: beim Tanzen, beim Theaterspielen, beim Weinen, beim Klavierspielen. Im Focusing öffne ich mich den Bildern, Gefühlen, Erinnerungen und versuche Worte dafür zu finden. Mein Körper zeigt mir, was ich sehen darf, und verschließt sich, wenn ich zu nah komme.

Auf dieser Reise bin ich auf Erinnerungen gestoßen. Die haben mich wieder in Kontakt gebracht mit Phasen in meinem Leben, in denen ich schon sehr viel geschrieben habe. Heute fand ich im untersten Fach meines Schreibtisches Mappen mit Texten. Ich blätterte darin, dann setzte ich mich aufs Sofa und las. Mein Erstaunen wurde immer größer. Das habe ich wirklich schon mit Anfang 20 geschrieben? Wie diesen Text: „Schatzkiste“ weiterlesen

Ortswechsel

Anfang Juli besuchte ich eine Schreib- und Tanzwerkstatt bei  Christina Brudeck und Iria Otto zum Thema Verwandlung. Hier ist dieser Text entstanden:

Heiter und geschäftig waren die Tage,
atemlos und ohne Pause,
voller Energie und innerer Leere.
Bis an die Grenzen der Kraft
schaffte ich, vollbrachte ich, tat ich.
Viel Gutes entstand, Produkte ohne Zahl.
Ich sah sie nicht, ich spürte sie nicht.
Nur im Applaus der Welt war ich da.
In mir blieb ich einsam, leer zurück.
Verborgen blieb ein brennender Schmerz und der schlummernde Schatz
eingeschlossen in mein verletztes Herz.

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Inkubation

Die kleine Raupe Nimmersatt, die sich Tag für Tag durch mehr Äpfel, Birnen, Pflaumen, Erdbeeren und Orangen frisst. Und schließlich auch noch durch Torte, Eis, Gurke, Käse, Wurst, Lolli, Früchtebrot, Würstchen, Törtchen und Melone! Mit so einer Raupe solidarisiere ich mich doch gerne, die sich durch all diese Leckereien frisst! Kein Wunder, dass dabei so ein bunter Schmetterling herauskommt!

Dabei frisst die echte Raupe nur Grünzeug und sieht dabei auch eher unscheinbar und hässlich aus. Wir pflücken sie vom Salat oder übersehen sie auf den Blättern eines Baumes. Oder wie wir: auf dem Basilikum in unserer Küche. Ihre Daseinsberechtigung besteht nur im Fressen, eben dick und kugelig zu werden wie die Kleine Raupe Nimmersatt. Und dann kommt die Phase des Rückzugs im Kokon. Die Raupe wechselt quasi die Haut, schirmt sich kompett ab von der Außenwelt. Und was dann im Inneren geschieht, ist ein kleines Wunder: aus der hässlichen, unscheinbaren Raupe wird ein wunderschöner Schmetterling! Das Univerum ist nicht geizig. „Inkubation“ weiterlesen