Erkannt

Die schützende Oberfläche bricht auf
Durch die verhärtete Struktur geht ein Riss
Schmerzvoll bricht es auf
Licht strömt herein
Ungewohnte Helligkeit
Es wird langsam hell.

Da zieht sich etwas in mir zurück
Will nicht gesehen werden
Sucht den hintersten Winkel auf
Will im Verborgenen bleiben.
Unter der Oberfläche liegen
die Gefühle von Ohnmacht
Hilflosigkeit und Scham.
Ich fühle mich klein, verloren, allein.

Und darunter ist diese Traurigkeit
Die unendliche Traurigkeit.
Ich falle tiefer und tiefer
Nichts als Tränen.

Und durch den Nebel der Traurigkeit
wische ich am Ende den Blick frei.
Unten angekommen.

Erkannt werden.

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Buntes Leben

Ich habe Angst und möchte einfach gehalten werden.

Ich bin dankbar für meine Familie.

Ich breche auf, Neues zu entdecken, Altes hinter mir zu lassen.

Strukturen schaffen Ordnung und geben Orientierung.

Wissensdurst und Forschdrang eröffnen neue Horizonte.

Ich schätze sensiblen und wertschätzenden Umgang miteinander.

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Es reicht

Es reicht.
Einfach da zu sein.
Für mich.
Mit mir.
In Verbindung zu mir.
Im Kontakt mit mir.
Mich spüren.
Verweilen.

Wie schnell verliere ich
den Kontakt zu mir
Ansprüche von innen
und außen
Anforderungen, die ich erfüllen will
Druck, etwas erreichen zu müssen
Anstrengung
Verlust
Schmerz
Trauer
Loslassen
Lassen
immer wieder

Spüren:
Ich bin da.
Das reicht.
Ich bin glücklich
denn ich bin da.
Es reicht.

 

 

Foto: (c) Dirk Henkel at tropsdem

Hannas Hymne

Der Grundton meines Lebens wird von Dir,
mein Gott, angeschlagen.
Im Rhythmus aus Werden und Vergehen
entfaltet sich der Klang.

Umgeben von Dissonanzen und Misstönen
versuche ich den hellen Ton der Hoffnung herauszuhören.
Doch Lärm und Streit verstopfen meine Ohren.
Wie klingt Dein Lied, mein Gott?

Je tiefer ich in mich hinabsteige,
in die Abgründe meiner Seele,
desto näher komme ich
dem wahren Klang meines Lebens.
Räume ich all den überflüssigen Ballast und
das hohle Getöne in mir zur Seite,
ist da Raum zum Atmen.

So spüre ich mitten im Trubel des Alltags
Lebendigkeit. Auferstehung. Erlösung.

Auferstanden aus dem Staub – bin ich.
Gegründet auf den Säulen der Erde – lebe ich.
Der Grundton meines Lebens wird niemals verklingen.

nach 1. Samuel 2, 6-8
erschienen in: Osterleute – unterwegs von Ostern bis Pfingsten/BEFG

Alltagsbeobachterin

Ich bin formschön gestaltet. Aus Metall. Bronzefarben erstrahle ich, wenn das Licht auf mich fällt. Meine Oberfläche ist glatt und kühl. Rund bin ich zu einer Schale geformt. Meistens bin ich still, warte ab. Ich kann ganz geduldig sein. Ich nehme einfach wahr. Ich nehme auf, was um mich herum passiert. Es ist, als ob ich aus einem großen Ohr bestünde. Und dann, wenn jemand mich berührt, kurz und schwungvoll, entfalte ich meinen Klang! Aus der Tiefe meines Körpers kommt der Ton, facettenreich, angereichert mit hohen und tiefen Anteilen. Sehr rein, klar. Erst laut, der Ton klingt lange nach und schwingt und summt und verhallt. Ich vibriere, mein ganzer Körper erzittert wohlig. Wenn Klang und Bewegung verebbt sind, bin ich wieder still, aufmerksam, gelassen, ruhe auf meinem Kissen. Halte inne und horche hin, was um mich herum geschieht.

Still
verharre ich
Warte auf den
Moment des schwungvollen Anschlags
Erregt

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Wortspuren

Jeden Tag ein Wort –
aber bitteschön ein gutes!
Eines, das erbaut und stärkt,
ermutigt und beflügelt.

Lass dein Wort nicht verhallen
in den Schluchten aus Nichtigkeiten.
Lass es ansteckend sein,
so dass Wort für Wort
eine zauberhafte Gedankenkette entsteht,
wo sich eine Perle an die andere reiht,
um denjenigen zu schmücken,
der sie trägt.

Werde Wortträgerin,
stolze Besitzerin von verschenkbarem
und unbezahlbarem Gut.

Gib sie frei,
die Worte deiner Seele,
lass sie los in den Raum,
in dem sie klingen können,
um mit mächtiger Lautstärke
zarte Saiten ins Schwingen zu bringen.
Auch die Letzten sollen sie erreichen. „Wortspuren“ weiterlesen

NachLese: Ein Schöpfungspsalm

Dies ist der erste Gastbeitrag auf meinem Blog! An der Psalmwerkstatt hat Sigrid Allewelt-Schanter teilgenommen, die mir eine Rückmeldung und ihren Schöpfungspsalm geschickt hat. Dieser Psalm ist nach einer Einheit zum Thema „Farbe“ und einer Inspiration durch die wunderbaren Sinn-Bilder von Tony Hofmann entstanden. Der Impuls war, dass der Psalm mit „O wie wunderbar geschaffen ist/sind…“ beginnt. Und nun gebe ich Sigrid das Wort:

„NachLese: Ein Schöpfungspsalm“ weiterlesen

Psalmwerkstatt: Mit dem Herzen schreiben

Die Teilnehmenden kommen in einen großen, hellen Seminarraum. In der Mitte ist ein Stuhlkreis um einen Strauß Tulpen umringt von bunten Schmetterlingen und einem roten Herzen. Mit einem schön gestalteten Zitat auf einer Flipchart werden die Teilnehmenden empfangen. Klemmbretter mit einem Willkommensbrief und dem Ablauf sind vorbereitet. Daneben ist Platz zum Meditieren; Matten, Decken und Meditationsbänke liegen bereit. An einer Wand steht ein Klavier. Es kann losgehen!

Am letzten Wochenende begegneten wir uns in der Psalmwerkstatt, einer meditativen Schreibwerkstatt im Stephansstift. Wir hatten viel Raum zum Schweigen und Schreiben. In Stille begannen die Einheiten, Texte und Meditationen führten in die Tiefe des eigenen Herzens. Ein Impuls regte das Schreiben an. Die so entstandenen Texte teilten wir behutsam und wertschätzend. Wir wurden sehr reich beschenkt.

Eine Teilnehmerin schrieb:

Vielen Dank für Deine liebevolle, konzentrierte und aufmerksame Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung der Tage in Hannover.
Deine ruhige, wertschätzende Sprache, die ästhetischen handgeschriebenen Plakate und die wohltuenden Regeln für das Miteinander waren ein Genuss.
Kein Kommentar, keine Interpretation oder Analyse dessen, was andere geschrieben haben, sondern eine Resonanz, ein Echo dessen, was man selbst gehört hat.
Es war ein Geschenk und ein Segen, dabei zu sein.

Ich teile hier meinen „Schutzpsalm“, der in der Übung „Lieblingsverse fischen“ (nach Hippe 2015, S. 168) entstanden ist. „Psalmwerkstatt: Mit dem Herzen schreiben“ weiterlesen

Kastanie

Nicht mehr und noch nicht – so hat der Fotograf Dirk Henkel dieses Bild der Kastanienknospe betitelt. Nicht mehr der Blätterbaum, nicht mehr die volle Blüte. Das Alte ist vergangen, es hat ausgedient. Und das Neue ist noch nicht da, noch nicht vollständig sichtbar, noch in der Knospe verborgen. Die Zeit dazwischen.

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So empfinde ich diese Zeit. Eine Zeit der Verwandlung, der Transformation, der Inkubation. Neben dem Schmetterling ist die Kastanie für mich ein wichtiges Symbol dafür geworden. In einem Focusing-Prozess stand sie für das Schmerzhafte, das Verletzliche, das Schutzbedürftige in mir. Nicht mehr und noch nicht:

Kastanie

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