Alltagsbeobachterin

Ich bin formschön gestaltet. Aus Metall. Bronzefarben erstrahle ich, wenn das Licht auf mich fällt. Meine Oberfläche ist glatt und kühl. Rund bin ich zu einer Schale geformt. Meistens bin ich still, warte ab. Ich kann ganz geduldig sein. Ich nehme einfach wahr. Ich nehme auf, was um mich herum passiert. Es ist, als ob ich aus einem großen Ohr bestünde. Und dann, wenn jemand mich berührt, kurz und schwungvoll, entfalte ich meinen Klang! Aus der Tiefe meines Körpers kommt der Ton, facettenreich, angereichert mit hohen und tiefen Anteilen. Sehr rein, klar. Erst laut, der Ton klingt lange nach und schwingt und summt und verhallt. Ich vibriere, mein ganzer Körper erzittert wohlig. Wenn Klang und Bewegung verebbt sind, bin ich wieder still, aufmerksam, gelassen, ruhe auf meinem Kissen. Halte inne und horche hin, was um mich herum geschieht.

Still
verharre ich
Warte auf den
Moment des schwungvollen Anschlags
Erregt

Du bist eine von denen, die ich höre. Deine Stimme ist mir wohlvertraut. Wenn du nah bei mir sprichst, denn schwinge ich sogar ein bisschen mit. Von meinem Platz aus erlebe ich deinen Alltag mit. Wenn du auf dem Sofa arbeitest, beachtest du mich nicht, ich bin stille Beobachterin deines Lebens. Ich warte geduldig auf dich.
Morgens begegnen wir uns. Du nimmst vor mir Platz und ich darf für dich tönen. Wenn ich erklinge, entspannen sich deine Gesichtszüge, die Stirn glättet sich, der Kiefer lockert sich, deine Augen schließen sich und so ruhst du in meinem Klang. Du verweilst. Das mag ich am liebsten, wenn wir zusammen schweigen und hören. Was hörst du? Ich höre das Rauschen der Welt, den Klang der Zeit, die Verbindung mit dem Leben. Vielleicht hörst du das Gleiche nur in einer anderen Frequenz? Irgendwann ertöne ich dann wieder, Du bleibst ruhig sitzen, bis ich verklinge, dann öffnest du die Augen. Langsam stehst Du auf und gehst deiner Wege. Ich bleibe und strahle die Stille in deinen Alltag.

 

*Inspiriert durch einen Impuls vom Schreibexperiment von Freudenwort.

Foto: (c) Dirk Henkel at Tropsdem

Ein Kommentar zu „Alltagsbeobachterin

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