Willkommen, innerer Kritiker!

Was? Das meinst Du doch nicht ernst oder? Doch.

Zur Zeit schreibe ich ganz viel. Und erarbeite neue Konzepte, leite Workshops. Also hat mein Innerer Kritiker Hochkonjunktur, ist immer im Einsatz, zeigt viel Ausdauer. Das merke ich daran, dass mein Wortgebrauch von „müssen“ und „sollen“ voll ist. Und dass ich diese Stimme höre, die sagt: „Das schaffst Du sowieso nicht.“ Oder: „Das kannst Du doch nicht einfach machen.“

Ganz oft höre ich den Hinweis, dass der Innere Kritiker in die Pause geschickt wird, vor der Tür bleiben soll oder noch radikaler in die Verbannung geschickt werden soll. Das Konzept der inneren Teilpersonen (s. Hinweise unten) lehrt mich, den Inneren Kritiker als einen Teil von mir zu sehen.  Im Focusing lasse ich alles zu, was da ist und sich zeigt. Also auch die kritischen Anteile in mir. Es nützt nichts, diesen Teil zu verbannen, wegzuschicken, außen vor zu lassen. Alles Verdrängte und Abgelehnte zeigt sich um so heftiger und sucht sich subtilere Schleichwege, um das Denken, Fühlen und Handeln zu durchkreuzen. Wie wäre es, mich dem Kritiker zuzuwenden, zu hören, wie es ihm geht? Das setzt voraus, dass ich nicht mit ihm identifiziert bin. Sondern, dass ich zunächst einen FreiRaum in mir schaffe, in dem ich sein kann. Von dort aus kann ich auf die verschiedenen Teile in mir schauen und mich ihnen zuwenden – oder auch Abstand nehmen, wenn sie mich ganz überwältigen wollen. Von dieser Instanz aus kann ich Kontakt aufnehmen. Von dort aus habe ich kürzlich in einem Focusing einen Teil in mir als „Moderatorin“ oder „Mediatorin“ zwischen den Teilen in mir kennengelernt. Als ich neulich in einer Workshopvorbereitung wieder mal mit viel „muss“ und vernichtenden Sätzen konfrontiert war, schrieb ich folgenden Dialog:

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Der Raum in mir

„Na, wie gefällt es Dir in Deinem Zimmer?“

fragt mich meine Focusing-Partnerin, als wir uns zur Weiterbildung in Würzburg treffen. Die Kurseinheiten finden im Focusing-Institut statt, die Übernachtung organisieren sich die Teilnehmer selbst. Ich habe nun zum vierten Mal eine andere Unterkunft ausprobiert. Und wieder muss ich ihr sagen: Nein, das ist es auch nicht. Irgendwie fühle ich mich in dem Raum nicht wohl. Ich merke, wie wichtig es mir ist, dass ich mich zu Hause fühle, der äußere Rahmen für mich stimmig ist. Ich kann mittlerweile auch genau benennen, was für mich dazu gehört, bloß leider habe ich diese ideale Unterkunft noch nicht gefunden! Nur der Blick aus dem Fenster bot von einem Tag zum anderen ganz neue Sicht:

Mein Raum. Wie korrespondiert das Äußere mit dem Inneren? Wie fühle ich mich in meinem Körperraum? Wie viel Raum nehme ich ein? Wer ist in meinem Raum?

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Schatzkiste

Ich tauche immer tiefer ein in die Reise zu mir selbst. Durchschreite meinen inneren Raum, mache Entdeckungen, setze mich hin, hör mir zu, mach das Licht an, kuschel mich ein. Ich begegne meinen tiefsten Ängsten, meiner Begeisterung, meinem kindlichen Mut, meiner unbändigen Freude. Ich drücke das, was ich dort finde aus: beim Tanzen, beim Theaterspielen, beim Weinen, beim Klavierspielen. Im Focusing öffne ich mich den Bildern, Gefühlen, Erinnerungen und versuche Worte dafür zu finden. Mein Körper zeigt mir, was ich sehen darf, und verschließt sich, wenn ich zu nah komme.

Auf dieser Reise bin ich auf Erinnerungen gestoßen. Die haben mich wieder in Kontakt gebracht mit Phasen in meinem Leben, in denen ich schon sehr viel geschrieben habe. Heute fand ich im untersten Fach meines Schreibtisches Mappen mit Texten. Ich blätterte darin, dann setzte ich mich aufs Sofa und las. Mein Erstaunen wurde immer größer. Das habe ich wirklich schon mit Anfang 20 geschrieben? Wie diesen Text: „Schatzkiste“ weiterlesen

Quelle

Sommerschule Focusing auf dem Achberg im August. Der Ort an sich ist schon eine Quelle der Erholung: Der Blick von der Terrasse über das Tal bis zum Bodensee und den dahinterliegenden Bergen. Das Farbspiel des Himmels ändert sich von Tag zu Tag. Die Berge zeigen sich mal klar oder verschwinden im Nebel. Im Garten lädt der große Pool unter vier hochragenden Wacholderbäumen zum Abkühlen ein. Für viele, die immer wieder hier ins Humboldt-Haus kommen, ist es ein Ort zum Erholen, Kraft schöpfen, Auftanken. Eine Oase der Stille, ein Ort der Annahme, der Wertschätzung und Achtsamkeit. Hier erleben Menschen tiefe Prozesse, intensiven Austausch, Qualität in Begegnungen, Offenheit füreinander, vielfältigen Kontakt miteinander, neue Inspiration durch anregende Inhalte.

Ich erlebe hier Zeit für mich, für Focusing, zum Ausruhen und Kontakt mit meinen Kraftquellen: Bewegung (Fahrradfahren, Schwimmen, Tanzen), Musik (ein Flügel!), Schreiben (oben auf dem Foto ganz links steht der kleine Tisch, an dem ich gerne zum Schreiben gesessen habe), Stille und Qigong, achtsame Berührungen (im Tanzkurs, beim Focusing), Gespräche mit Menschen, bekannte und neue. Dazu auch noch gutes Essen!

Und immer wieder hinspüren, was gerade in mir ist: Was kommt aus meiner Quelle? Wie nehme ich Kontakt mit meiner Quelle auf?

Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke. Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

Joh. 7, 37-38

Wer mehr dazu hören will, dem lege ich diese Auslegung ans Herz.

Im Tanzkurs bei der Focusing-Sommerschule haben wir eine sehr schöne Übung gemacht: Den Herzraum mit Licht füllen. Wer mag, kann dazu Musik hören und so in einen Rhythmus reinkommen. Ich lade ein, dieser Übung mit mir nachzuerleben:

Herzraum. Einatmen und das Bild entstehen lassen, dass der Raum sich mit Wasser füllt  (für wen die Vorstellung von Wasser zu bedrohlich ist, kann sich auch mit Licht füllen. Für mich war es Wasser.) Die Arme begleiten die Bewegung von unten nach oben: Der Atem sprudelt von meinem Bauch von ganz tief unten als Fontäne hinauf, sie braust in den Brustraum, breitet sich immer mehr aus und dann schwappt die Welle aus dem Mund heraus. Kontakt mit der inneren Quelle. Und wieder kommt aus dem unteren Energieraum (Dan Tian) die Welle, rollt durch den Bauch- und Brustraum und ergießt sich aus dem Mund. Und nochmals geht der Impuls der sprudelnden Quelle, blubbert aus dem Bauch hoch, verteilt sich in der Brust und fließt aus meinem Mund, bewässert den Raum um mich herum. Und nun kommt der Impuls von oben nach unten, die Arme begleiten ihn in der Bewegung: Ich öffne mich nach oben, lasse alle Energie in mich hineinströmen, der Strom weitet den Brustraum, füllt den Beckenraum, strömt bis in die Beine und aus den Fußsohlen in die Erde. Ich spiele mit dieser Welle, mal von oben nach unten, mal von unten nach oben, der Atem schafft sich Platz, füllt, durchströmt, sättigt, befreit, öffnet, weitet, beglückt, perlt, prickelt, glitzert, seufzt …

Reflexion: Im Kontakt mit meinen inneren Quellen sein. Womit nähre ich mich? Was speist meine Quellen? Was füllt mich? Wie viel Platz ist in mir? Kann ich Platz schaffen für neue Inspiration, die mich erfüllt? Mit dem Atem alles mögliche rausatmen und mich mit neuer, frischer Energie füllen. Wie ist das?