Musik

Musik streichelt meine Seele.

Konzertsommer. In den letzten Wochen habe ich einige (Open air) Konzerte besucht. Legendäre Größen wie Phil Collins: sehr rührend, diese wunderbare Stimme in diesem gebrechlichen Körper zu sehen und zu hören. Oder die Altmeister Depeche Mode, die noch immer wild auf der Bühne herumwirbeln. Eine ganz besondere Atmosphäre herrschte beim Konzert auf der Waldbühne von Ludovico Einaudi. Ich hätte nicht gedacht, dass diese wunderbare Klaviermusik live und open air so gut rüberkommt.

Einaudi Konzert Berlin 2017
Einaudi live in Berlin, Waldbühne, 4.6.2017 (Foto: C.Henkel)

Musik erreicht mich unmittelbar. Ein bekanntes Lied, zufällig oder aus der Ferne gehört, lässt einen ganzen Film in mir ablaufen. Erinnerungen an Situationen, in denen ich diese Musik kennenlernte, eine bedeutende Begegnung hatte, lässt mich Gefühle wieder erleben, die damit verbunden sind, Stimmungen, in die ich versetzt werde. Manchmal will ich sofort anfangen zu tanzen (wie bei Sweet dreams) oder bekomme eine Gänsehaut (wie bei der Version von My way von Herman van Veen) oder mir kommen die Tränen (wie bei Shoot down the moon). Für große Irritation sorgte einmal, als ich bei einem Schweigetag beim Mittagessen in Tränen ausbrach, als zur Untermalung der schweigsamen Mahlzeit die „Air“ von Bach gespielt wurde. Leider konnte ich in dem Moment nicht aufklären, dass es Freudentränen der Erinnerung an unsere Hochzeit waren, wo dieses Lied den Einzug in die Kirche begleitete. Gespielt von meiner Schwester an der Flöte und meinem Bruder an der Orgel. Gänsehaut! Und dazu all die Bilder der lieben Menschen, die zu unserem großen Tag gekommen waren und nun rechts und links den Weg säumten. Dieses Stück von Bach löste immer wieder die Erinnerung an diesen Moment aus.

Hier ließen sich sicher noch viele Beispiele anschließen. Ich bin gespannt auf Eure Musik-Erinnerungsmomente.

Musik ist körperlich verankert und weist doch weit über uns hinaus. Ich teile die Erfahrung, die Anselm Grün mit Bezug auf Cassidor (römischer Gelehrter um 500 n. Chr.) so beschreibt:

Cassidor sagt, die Musik liebkose auf körperliche Weise die unkörperliche Seele und führe sie in Bereiche, in die Worte nicht gelangen können: in das unsagbare Geheimnis, das letztlich Gott ist.

Beim Musikhören, beim Eintauchen in Klänge und Töne ob mit oder ohne Worte werde ich mit etwas verbunden, was mich auf einer anderen Ebene berührt. Musik war eine der ersten Tore auf der Reise meiner Sehnsucht: Wie oft kamen mir die Tränen, weil ich innerlich angesprochen wurde, noch bevor mich Worte erreichten. Hier sprach jemand zu mir und rief mich mit der sanften Stimme der Musik zu sich.

Anselm Grün schreibt zu einem Musikerleben beim Hören der Sieben Worte Jesu von Joseph Haydn

Da werde ich in der Kantilene, die die erste Geige singt, jetzt schon hineinversetzt in das Paradies. Da geschieht heute in mir Verwandlung. Da spüre ich heute in mir den Raum der Liebe, zu dem der Lärm der Welt keinen Zutritt hat.

Musik kann die Gotteserfahrung natürlich nicht erzwingen. Aber ich kenne viele Menschen, die wie ich Musik als Hören des Unhörbaren erleben. Und in diesem Unhörbaren ahnen sie eine Stimme, die wir nicht festhalten können, die uns aber manchmal so berührt, dass unser Herz weit wird und wir für einen Augenblick aufgehen in etwas Größerem, so dass unser Herz letztlich im Geheimnis des unbegreiflichen und unhörbaren Gottes aufgeht.

Anselm Grün: Wenn Musik tief berührt. In: einfach leben, Juni 2017, S. 10

 

Ich lade zu einer Übung ein: Wähle heute bewusst eine Musik aus, mit der du etwas verbindest. Koste das körperliche Gefühl aus, das die Musik auslöst. Gönne dir einen Moment des Hineinschwimmens in die Musik. Lass dich leiten von Erinnerungen, Gefühlen, Körperempfindungen und danach schreib auf, was jetzt da ist.

Reflexion: Welche Musik löst welche Stimmung bei mir aus? Wie kann mich Musik dabei unterstützen, mit mir und meiner Sehnsucht in Kontakt zu sein?

9 Kommentare zu „Musik

  1. Liebe Christiane,
    hineinschwimmen in die Musik ist ein Bild, das ich sehr mag, weil ich beides, Musik und Schwimmern, sehr, sehr mag …
    Musik höre ich am liebsten beim schreiben, und da sind es Stücke, die mich sofort packen und immer wieder in zumeist Endlosschleife dahinführen, wo mich die ERSTEN Worte dafür finden…
    Danke für diese schöne Erinnerung an das, was Musik bewirken kann.
    Liebe Grüße,
    Mia

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    1. Liebe Mia,
      danke für das Teilen Deiner Musikerlebnisse. Ich höre heute eher selten Musik beim Schreiben. Früher habe ich sehr viel und ständig Musik. Da bin ich vielleicht differenzierter geworden.
      Liebe Grüße
      Christiane

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  2. Liebe Christiane,
    Du warst bei Ludovico? Wie schön, da bin ich schon ein wenig neidisch. 😀
    Ja, Musik kann mich forttragen, wie sonst nichts. Mal animiert sie mich zum tanzen, dann wieder nimmt sie mich mit in eine vergangene Zeit. Sie verschafft mir eine Gänsehaut, bringt mich zum Lachen oder zum Weinen. Den Soundtrack der Truman-Show z.B. verbinde ich gar nicht mit dem Film, sondern wenn ich ein Lied davon höre, dann finde ich mich auf dem Bett in meinem WG-Zimmer wieder, einBuch namens Myst lesend… Wenn ich „What else is there“ von Röyksopp (https://www.youtube.com/watch?v=ADBKdSCbmiM) höre, dann sitze ich ihm Auto auf dem Weg zu einem Fallschirmsprung, den ich zu meinem 30. geschenkt bekommen hatte. Lustiger Weise passt das Video dazu, wie ich gerade festgestellt habe…
    Danke und liebe Grüße
    mo…

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    1. Liebe Mo,
      ja, Ludovico war ganz wunderbar!!! Jetzt bleiben mir wieder seine Noten und mein Klavier (übrigens ist es das auf dem Foto). In Röyksopp hab ich gleich mal reingehört, kannte ich noch nicht.
      Fallschirmsprung – ich weiß nicht, ob ich neidisch werden soll. Mein Paragliding letztes Jahr war für mich schon ein aboluter Mutsprung!
      Danke für den Einblick in Deiner Musikerlebnisse!
      Liebe Grüße
      Christiane

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  3. Liebe Christiane,
    ich kann Deine Berührtheit von Musik sehr gut nachvollziehen. Sie kann einen ohne weiteres in eine Situation hinein-schwemmen und man ist diesem Überwätligtwerden vollkommen ausgeliefert. Ich weiß nicht, ob Du Keith Jarret kennst, ein begnadeter Komponist und Pianist. Es gab 1975 ein Konzert in Köln von ihm, das ihn wohl berühmt machte. Mein Ex-Mann konnte selbst so gut Klavier spielen, dass ich manchmal, wenn ich unten zur Haustür hereinkam nicht unterscheiden konnte, ob oben die Platte ( damals gab es das noch) lief, oder er selber spielte. Jahre später, wir hatten uns schon lange getrennt, konnten aber als Eltern für unseren Sohn ganz gut Verbindung halten, habe ich diese Musik bei einem Semnar wieder gehört. Das hat mich umgehauen, es flossen bei mir noch mal unendlich viele Tränen um diese leider gescheiterte Beziehung. Es gab dann auch entsprechenden Erklärungsbedarf für die anderen doch irritierten Seminarteilnehmer. Es war so reinigend mit dieser ursprünglich gemeinsamen Musik noch mal in die Trauer um diese Beziehung zu gehen. Seitdem beschleicht mich auch wieder ein Lächeln, wenn ich irgendwo auf Keith Jarret stoße. Und auch beim Schreiben jetzt, habe ich vor mich hingelächelt. Musik ist einfach noch einmal eine andere Dimension um sich zu spüren, egal ob man sie selber macht, oder sie hört.
    Liebe Grüße
    Anne

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    1. Liebe Anne,
      Keith Jarrets Köln-Konzert kenne ich! Ja, ganz wunderbare Musik. Danke für das Teilen Deiner persönlichen Erinnerung, die ich sehr berührend und bereichernd finde.
      Liebe Grüße
      Christiane

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  4. Du warst Anfang Juni in der Waldbühne, wie schön! Wir sind am 1. Juli mal wieder dort zum traditionellen Sommerkonzert der Berliner Philharmoniker. Freue mich schon sehr und hoffe, dass es nicht zu frisch und feucht wird… Deine Übung werde ich mal ausprobieren.:)

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  5. Liebe Sabine,
    ja, die Waldbühne ist einfach eine ganz wunderbare Location für Open air Konzerte, bisher die beste, die ich kenne. Einmal waren wir zu Herbert Grönemeyer dort. Ich habe mich geärgert, dass ich nicht noch näher rangegangen bin. Ich liebe diese Atmosphäre und die Akkustik ist unvergleichbar gut. Viel Spaß bei Deinem Konzert!
    Liebe Grüße
    Christiane

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