Inkubation

Die kleine Raupe Nimmersatt, die sich Tag für Tag durch mehr Äpfel, Birnen, Pflaumen, Erdbeeren und Orangen frisst. Und schließlich auch noch durch Torte, Eis, Gurke, Käse, Wurst, Lolli, Früchtebrot, Würstchen, Törtchen und Melone! Mit so einer Raupe solidarisiere ich mich doch gerne, die sich durch all diese Leckereien frisst! Kein Wunder, dass dabei so ein bunter Schmetterling herauskommt!

Dabei frisst die echte Raupe nur Grünzeug und sieht dabei auch eher unscheinbar und hässlich aus. Wir pflücken sie vom Salat oder übersehen sie auf den Blättern eines Baumes. Oder wie wir: auf dem Basilikum in unserer Küche. Ihre Daseinsberechtigung besteht nur im Fressen, eben dick und kugelig zu werden wie die Kleine Raupe Nimmersatt. Und dann kommt die Phase des Rückzugs im Kokon. Die Raupe wechselt quasi die Haut, schirmt sich kompett ab von der Außenwelt. Und was dann im Inneren geschieht, ist ein kleines Wunder: aus der hässlichen, unscheinbaren Raupe wird ein wunderschöner Schmetterling! Das Univerum ist nicht geizig.

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Entlang des Fahrplans findet Entwicklung statt: Aus der Larve wird die Raupe, aus der Raupe die Puppe und schließlich schlüpft der Schmetterling. Alle Stadien vorher sind Vorbereitung, die die meiste Zeit in Anspruch nimmt. Zeit für Entwicklung, für Ernährung, Kräftebau, für Rückzug und Energiesammlung. Die Raupe trägt schon alle Farben in sich, wir sehen sie aber von außen nicht. In der Puppe entwickelt sich geschützt und abgeschirmt der Schmetterling. Die neue Kreatur, die äußerlich so wenig mit der hässlichen Raupe gemein hat.

Inkubationszeit. Ich fange an, darauf zuvertrauen, dass die gesammelten Schätze, die Nahrung meiner Seele, die ich aufgenommen haben in Form von Büchern, Weiterbildungen, Begegnungen sich in mir sammeln und sich zu etwas Neuem, Schönem formen. Das erfordert Geduld. Eben nicht vor der Zeit am Grashalm ziehen, damit er wächst, sondern darauf warten, dass in dieser ruhigen, kargen Zeit (der Stille) etwas in mir wächst und entsteht, was sich dann entfalten kann und möchte.

„Ich gehe mit einer Idee schwanger“ ist noch so ein körperliches Bild der natürlichen Entwicklung. Ich lasse Zeit, dass sich in mir etwas formt. Und dann ist die Zeit der Geburt da und das Neue wird sichtbar: Ein Text, ein Konzept, ein Vorhaben. Das muss noch nicht fertig sein – im Gegelteil: ein Baby kommt auch hilflos und bedürftig auf die Welt, klein, abhängig und braucht Unterstützung, um zu wachsen. Also möchte ich auch nicht erwarten, dass die in der Inkubation entstandenen Ideen gleich fertig aus mir herauskommen. Auch die Schmetterlinge brauchen ein paar Stunden, um sich zu ent-falten und bleiben auch gerne noch auf der Wärme der Hand sitzen, bevor sie losfliegen.

Eines Tages freue ich mich an den Schmetterlingen, die sich sonnen und in die Luft flattern – zweckfrei und schön!

Ich lade zu einer Übung ein: Auf einer Focusing-Weiterbildung habe ich eine sehr beeindruckende Übung erprobt: Ich habe meinen Körper ganz klein zusammengerollt, mich zusammengepresst, so eng es ging (dabei hat Klaus Katscher, der Seminarleiter, unterstützt). Und dann: Loslassen und mich ent-falten. Mich den Bewegungsimpulsen des Körpers überlassen. Welcher Körperteil will sich bewegen, ausbreiten, frei werden? Wie viel Raum nehme ich ein? Wenn ich mich dem Körper überlasse, welche Impulse gibt er? Probier es aus!
Wenn Du es erstmal beobachten willst, dann nimm eine Cellophanfolie (z.B. durchsichtiges Geschenkpapier), knüll sie fest zusammen und lass los. Mach es ein paar Mal, dann siehst Du die unterschiedlichen Ent-faltungsmöglichkeiten!

Reflexion: Was nährt mich? Welche Schätze sammle ich in mir? Wann ist Inkubationszeit dran?

 

 

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8 Kommentare zu „Inkubation

  1. Liebe Christiane,
    Zeit zur Entwicklung zu haben, sich dafür abschirmen zu können, einige Zeit aus dem Alltag ausklinken zu können, warten zu können, bis ich wieder bereit bin nach außen zu gehen – wie oft habe ich sie mir gewünscht, aber nicht genommen. Es war oft die Phantasie da, dass die Welt um mich herum mal für drei Tage in den Dormröschenschalf verfällt oder in die Tiefkühlstarre, damit ich mal etwas für mich tun kann. Hat nie geklappt. Und jetzt, wo ich dem Berufsstress entronnen bin, mein Kind aus dem Haus ist, tue ich mich unheimlich schwer, diesen Freiraum anzunehmen. Das ist doch ziemlich verrückt. Aber ich übe weiter.
    Liebe Grüße
    Anne

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  2. Liebe Anne,
    danke für Deine ehrliche Selbsteinschätzung. Gerade heute las ich in einem Buch (das ich demnächst vorstelle) etwas über die dunkle Seite der Stille. Es gibt auch einen Teil in uns, der das nicht wirklich möchte.
    Ich freue mich, dass Du weiter üben möchtest und wünsche Dir spannende Entdeckungen!
    Liebe Grüße
    Christiane

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  3. Liebe Christiane,
    „Die kleine Raupe Nimmersatt“ ist eines meiner Lieblingsbücher …
    „Ich lasse Zeit, dass sich in mir etwas formt.“ Den Satz mag ich besonders; ich lasse der Form in mir die Zeit, die sie braucht.
    Und die Art, wie du das Wort geschrieben hast – Ent-faltungsmöglichkeiten – ist eine besondere stimmige Wort-Kreation, vor allen Dingen mit den wunderschönen Fotos.
    Mache mich später mit deiner Übung auf eine Reise in einen Moment der Ruhe.
    Liebe Grüße,
    Mia

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    1. Liebe Mia,
      Du entdeckst immer wieder solche Feinheiten in den Texten, danke, das freut und ermutigt mich. Ich war selbst überrascht, wie oft „ent-falten“ passte. So ein schönes Wort!
      Ich bin gespannt auf Deine Erfahrungen beim Ent-falten!
      Liebe Grüße
      Christiane

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  4. Liebe Christiane,
    tatsächlich finde ich bereits die Raupe irgendwie hübsch. Sie hat etwas leicht Schräges, Punkiges… 🙂
    Deine Verkettung der Entwicklungsphasen des Schmetterling mit den Phasen der Kreativität und wiederum mit unserer persönlichen Weiterentwicklung halte ich für großartig. Und plötzlich sehe ich den Schmetterling gar nicht mehr „zweckfrei und schön“, sondern vielmehr als lebende, flatternde Erinnerung daran, dass alles auf dem Weg ist, dass es vielleicht seine Zeit braucht, dass in der Ent-Faltung jedoch so viel Schönheit liegt…
    Dankeschön und liebe Grüße
    mo…

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